
Türfachplanung: Wenn eine Tür mehr können muss als auf und zu
Eine Tür geht auf. Eine Tür geht zu. So einfach könnte es sein.
In einem modernen Gebäude ist es das allerdings nur selten. Brandschutz, Fluchtwege, Einbruchschutz, Zutrittskontrolle und Alarmierung können an einer einzigen Tür zusammentreffen. Gleichzeitig muss sie in den täglichen Abläufen eines Gebäudes funktionieren.
Genau dort beginnt die Arbeit der Türfachplanung.
Oliver Biedermann, Projektleiter Fachplanung bei Wälchli Concept, kennt dabei beide Seiten: die Planung und die praktische Umsetzung. Als gelernter Schreiner und Zimmermann sowie durch seine Erfahrung im Holz- und Türfachhandel betrachtet er eine Tür nicht als isoliertes Bauteil, sondern als Teil eines ganzen Gebäudes.
Wir haben mit Oliver darüber gesprochen, was Türfachplanung eigentlich bedeutet, weshalb sie frühzeitig beginnen sollte und warum eine gute Lösung am Ende möglichst unscheinbar ihre Aufgabe erfüllt.
Was macht ein Türfachplaner eigentlich?
Auf diese Frage hat Oliver zunächst eine ziemlich nüchterne Antwort:
«Wir planen und koordinieren die Türen in komplexen Gebäuden.»
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sein nächstes Beispiel allerdings deutlich besser.
Nehmen wir die Tür zu einem Banktresor. Diese soll sich beispielsweise erst nach einer PIN-Eingabe oder einem Fingerabdruck öffnen. Gleichzeitig ist sie mit weiteren Sicherheits- und Alarmierungssystemen verbunden.
Oder wie Oliver es ausdrückt:
«Unsere Aufgabe ist es, dass Ocean’s Eleven nicht ins Gebäude kommt.»
Natürlich beschäftigt sich die Türfachplanung nicht nur mit Banktresoren und Hochsicherheitstüren.
Die Bandbreite reicht von der einfachen Zimmertür, die in erster Linie zuverlässig auf- und zugehen muss, bis zur komplexen Hochsicherheitstür. Dort können Zutrittskontrolle, Alarmierung, Brandschutz, Fluchtweg und Einbruchschutz an einem einzigen Element zusammenkommen.
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb häufig weniger bei der einzelnen Tür als bei ihren Abhängigkeiten zu anderen Systemen und Anforderungen.
Die Tür ist Teil des ganzen Gebäudes
Türen findet man vom Keller bis zum Dach. Sie verbinden Räume, Gebäudeteile und Sicherheitszonen miteinander und bestimmen, wie sich Menschen durch ein Gebäude bewegen können.
Trotzdem werden sie in der Planung laut Oliver häufig als Einzelprodukt betrachtet.
Genau dort entstehen Probleme.
Denn eine Tür hat zahlreiche Abhängigkeiten, die auf den ersten Blick nicht immer sichtbar sind.
Oliver beschreibt es mit einer alltäglichen Situation:
Wer morgens mit seinem Zugangsbadge von der Garage ins Gebäude kommt, möchte damit vielleicht bis zu seinem Büro im fünften Stock gelangen. Gleichzeitig soll auch das Treppenhaus benutzt werden können.
Schon dabei stellt sich die Frage, welche Türen diese Person öffnen darf und welche nicht.
Und Zutritt ist nur eine der Anforderungen.
Im Büro angekommen möchte dieselbe Person beispielsweise nicht das Patientengespräch aus dem benachbarten Arztzimmer mithören können. Plötzlich spielt also auch der Schallschutz eine Rolle.
Dazu können Anforderungen aus Brandschutz, Fluchtweg, Einbruchschutz oder Alarmierung kommen.
Eine Tür verbindet damit unterschiedlichste Anforderungen innerhalb eines Gebäudes – und genau deshalb kann sie kaum isoliert geplant werden.
Gute Türfachplanung beginnt früh
Wann sollte ein Türfachplaner in ein Projekt einbezogen werden?
Für Oliver ist die Antwort klar: bereits im Vorprojekt beziehungsweise Bauprojekt.
Zu diesem Zeitpunkt werden grundlegende Entscheidungen getroffen. Beispielsweise, ob ein Gebäude mit einer elektronischen Zutrittskontrolle oder einer Alarmierung ausgestattet wird.
Solche Entscheidungen können Auswirkungen auf das gesamte Gebäude haben.
Wird die Zutrittskontrolle erst spät im Projekt berücksichtigt, müssen bestehende Planungen unter Umständen angepasst werden. Leitungen, Komponenten, Türtypen oder Schnittstellen müssen nachträglich integriert werden.
Was in einer frühen Planungsphase vergleichsweise einfach berücksichtigt werden kann, kann später erhebliche Kosten verursachen.
Für Oliver liegt deshalb auch ein wirtschaftlicher Nutzen der Fachplanung in der frühzeitigen Mitarbeit am Projekt.
Wer Anforderungen rechtzeitig definiert und die beteiligten Systeme koordiniert, kann spätere Anpassungen vermeiden. Nachträgliche Integrationen von Zutrittskontrollen und anderen Systemen können schnell Kosten verursachen, welche die eigentlichen Kosten der Fachplanung um ein Mehrfaches übersteigen.
Türfachplanung bedeutet damit nicht einfach, eine Liste mit Türen zu erstellen.
Es geht darum, frühzeitig zu verstehen, was das Gebäude und seine Nutzer später von diesen Türen benötigen.
Wenn Sicherheit komplex wird
Wie weit diese Anforderungen gehen können, zeigt eines der Projekte, an denen Oliver und das Fachplanungsteam gearbeitet haben.
Für Schweizer Landesvertretungen wurden die Zugangstüren zu Gebäuden konzipiert.
Die Anforderungen an solche Zugänge unterscheiden sich deutlich von einer gewöhnlichen Eingangstür. Hier wurden Hochsicherheitstüren mit Zutrittskontrolle und einem Schleusensystem kombiniert.
Ein solches System funktioniert nur, wenn die einzelnen Komponenten aufeinander abgestimmt sind.
Wer darf das Gebäude betreten? Wie wird die Person identifiziert? Welche Tür darf zu welchem Zeitpunkt geöffnet werden? Wie reagiert das System bei einem Alarm? Und was muss im Notfall passieren?
Aus einer vermeintlich einfachen Eingangstür wird damit ein Bestandteil eines umfassenden Sicherheitskonzepts.
Gerade bei solchen Projekten zeigt sich, weshalb Türfachplanung weit über die Auswahl eines Türblatts, Schlosses oder Beschlags hinausgeht.
«Papier ist geduldig»
Oliver selbst kommt ursprünglich aus dem Handwerk. Er ist Schreiner und Zimmermann und bringt zusätzlich Erfahrung aus dem Holz- und Türfachhandel mit.
Diese Vergangenheit beeinflusst seine heutige Arbeit als Projektleiter Fachplanung ganz bewusst.
«Als Handwerker wissen wir um die Schwierigkeiten auf der Baustelle und dass nicht alles schwarz oder weiss ist. Wie heisst es so schön: Papier ist geduldig.»
Eine Lösung kann auf einem Plan hervorragend aussehen und trotzdem in der Umsetzung Schwierigkeiten verursachen.
Deshalb versucht das Fachplanungsteam von Wälchli Concept, Planung und praktische Erfahrung miteinander zu verbinden.
Gemeinsam mit dem Planungsteam und den ausführenden Unternehmen sollen Lösungen entstehen, die nicht nur technische und normative Anforderungen erfüllen, sondern sich auch tatsächlich umsetzen lassen.
Für Oliver bedeutet Fachplanung deshalb auch Zusammenarbeit.
Architekten, Fachplaner, Unternehmer, Bauherrschaft und spätere Nutzer bringen unterschiedliche Anforderungen und Perspektiven in ein Projekt ein. Die Aufgabe besteht darin, diese zusammenzuführen und daraus eine funktionierende Lösung zu entwickeln.
Fachplanung darf nicht im Hintergrund stattfinden
Auf unsere Frage, woran Bauherrschaft, Architekt oder Unternehmer am Ende erkennen, dass «im Hintergrund» eine gute Türfachplanung geleistet wurde, widerspricht Oliver bereits der Fragestellung.
Fachplanung sollte seiner Meinung nach gerade nicht im Hintergrund stattfinden.
Türen müssen gemeinsam mit Kunden, Nutzern, Planern und weiteren Projektbeteiligten abgestimmt werden.
Nur wenn bekannt ist, wie ein Gebäude später genutzt wird, wer sich darin bewegt und welche Anforderungen bestehen, kann eine passende Lösung entwickelt werden.
Das macht die Türfachplanung zu einem aktiven Bestandteil des Planungsprozesses.
Das Ergebnis darf dagegen durchaus unauffällig sein.
Wenn am Ende niemand über die Tür nachdenken muss
Bei aller Technik und Planung ist Olivers Definition eines erfolgreichen Projekts am Ende erstaunlich einfach:
Der Kunde muss zufrieden sein – und die Elemente sollen möglichst unscheinbar ihre Aufgabe erfüllen.
Eine gute Tür soll auf- und zugehen.
Sie soll nur diejenigen Personen hineinlassen, die auch hinein dürfen.
Und wenn es brennt, ein Einbruch stattfindet oder ein anderer Ernstfall eintritt, muss sie dafür sorgen, dass Menschen das Gebäude sicher verlassen können und – wo vorgesehen – die entsprechenden Blaulichtorganisationen alarmiert werden.
Im Alltag denkt darüber kaum jemand nach.
Und vielleicht ist genau das ein gutes Zeichen.
Denn hinter einer Tür, die einfach selbstverständlich funktioniert, können zahlreiche Anforderungen, Entscheidungen und Schnittstellen stecken.
Die Aufgabe der Türfachplanung ist es, diese frühzeitig zusammenzubringen.
Damit aus vielen einzelnen Anforderungen am Ende eines wird:
eine Tür, die genau das macht, was sie soll.
